Rückblick: Tour du Mont Blanc

Die Tour du Mont Blanc

Als der größte Berg Europas erstmals in unser Sichtfeld gerät, wird uns wohl erst richtig klar, was uns hier im Drei Länder Eck zwischen Frankreich, Italien und der Schweiz erwartet. Der Mont Blanc, 4.810 Meter hoch, thront über allem und wirft seinen Schatten weit voraus. Unser Ziel ist jedoch nicht die Spitze, sondern viel mehr das Massiv an sich, welches wir in den nächsten zehn Tagen umrunden möchten. Der über 180 Kilometer lange Rundweg „Tour du Mont Blanc“ wurde eigens hierfür konzipiert und ermöglicht faszinierende Blicke aus fast allen erdenklichen Perspektiven auf einen der spannendsten Gipfel der Alpen.

Naturspektakel beobachten

 

Ausgangspunkt unserer Wanderung ist das Örtchen Les Houches auf der Westseite des Massivs, ganz in der Nähe von Chamonix Mont Blanc, der größten, zentralen Stadt in der Gegend. Hier machen wir uns früh morgens auf den Weg und erreichen gegen Mittag den Col de Tricot, ein Pass der den Blick weit frei gibt auf die umliegenden, südlichen Berge. Kurz bevor wir die Passhöhe erreichen werden wir noch Zeuge eines gewaltigen Naturschauspiels, als von einem kleinen Gletscher ein großes Stück einfach wegbricht und sich, alles mitreißend, seinen Weg in die Tiefe bahnt. Es ist einer der Momente, in dem einem bewusst wird, wie klein man ist. Da wir unser eigentliches Etappenziel bereits am frühen Nachmittag erreichen, wir beide uns jedoch noch nicht ausgelastet fühlen, beschließen wir kurzfristig noch ein weiteres Stück zu laufen und steuern die nächste kleine Stadt Les Contamines Montjoie an. Das ist einer der ganz großen Vorteile der Tour du Mont Blanc: Sie ist voll gespickt mit Refugios, Hütten in den Bergen und Hotels in den Städten, so dass eine flexible Planung der Tagesrouten und kleinere, spontane Anpassungen jederzeit möglich sind. Mit einer Ausnahme standen in den Unterkünften auch stets freie Betten zur Verfügung, da wir kurz nach der Hauptreisezeit unterwegs waren.

 

Und rein in die nassen Schuhe

 

Der nächste Tag hat es in sich und wird von uns beiden später ohne großes Zögern als die härteste Etappe bezeichnet werden. Acht Stunden lang kämpfen wir uns durch Regen  und Schnee bis hin zum abgeschiedenen Ref. Croix du Bonhomme. Diese liegt wunderschön auf 2443 Metern Höhe inmitten eines grünen Plateaus. Vor allem mental ist die letzte Stunde der Etappe eine große Herausforderung. Richtig bewusst wird uns beiden, wie fertig wir sind, als wir auf dem Bonhomme-Pass in einer kleinen Schutzhütte eine Pause machen, unsere Finger zittern und wir uns mit getrockneten Früchten stärken. Auch eine warme Dusche bleibt uns an diesem Abend verwehrt, genauso wird unsere Kleidung über Nacht nicht richtig trocken, so dass wir am nächsten Morgen in die immer noch völlig durchnässten Wanderschuhe steigen.

 

Doch solche Momente bleiben uns am längsten in Erinnerung.

 

Die nächsten Tage führen uns auf der Südseite des Massivs entlang, während wir dort auch unseren höchsten Punkt der Tour erreichen. Nach einem kleinen Abstecher sind wir am Gipfel des Tete Nord de Four auf 2756 Metern. Von hier erblicken wir den Gipfel Europas zum ersten Mal seit zwei Tagen wieder kurz, ehe er sich erneut hinter einer großen Nebelwand versteckt. Stattdessen sehen wir in der Ferne, wie uns die Infotafel verrät, das Matterhorn und das Monte Rosa Massiv.

 

Von wagemutigen Rennteilnehmern und filmreifen Zwergenhäusern

 

Am sechsten Tag unserer Runde startet dann in Chamonix das berühmt berüchtigte Rennen „Ultra Trail du Mont Blanc“. Die Teilnehmer laufen in etwa die gleiche Strecke wie wir, also soweit nichts Dramatisches. Allerdings kehrt der Sieger des Laufs bereits nach etwas mehr als 20 Stunden nach Chamonix zurück- und benötigt damit rund neun Tage und vier Stunden weniger als wir. Chapeau!

 

Die lang gezogene Ostseite des Massivs führt uns durch die verträumte Stadt Cormayeur, dass man auf Grund der Mittagspause, beziehungsweise Siesta, besser nicht gegen Mittag erreichen sollte und anschließend in das das wunderschöne Val Ferret. Vom gleichnamigen Pass aus erstreckt sich dann der Blick zurück und wir erkennen fast die gesamte Strecke der beiden vergangenen Tage. Auf der anderen Seite ist der Blick nicht minder beeindruckend, die Strecke führt nun jedoch deutlich flacher hinab nach La Fouilly. Auch einer der Läufer scheint Gefallen an diesem Teil der Tour gefunden zu haben und legt sich kurzerhand am Wegrand zum Erholungsschlaf ab. Ein wenig später meinen wir ihn wieder zu erkennen, als er uns überholt.  

 

Die letzte richtig herausfordernde Etappe erleben wir drei Tage vor dem Ende. Vom Dorf Champex Lac geht es rund 1200 Höhenmeter nach oben auf den Fenetre d`Arpette und auf der anderen Seite wieder hinab. Hier erreichen wir Trient, wo wir nächtigen. Von dort aus lassen wir es auf den letzten, deutlich kürzeren und weniger anstrengenden Etappen gemütlich ausklingen und übernachten unter anderem auf der unglaublich schönen Gite Boerne in Tre le Champs, die von der Einrichtung und Architektur - stark verwinkelt und verschachtelt - eher an das Zwergenhaus aus Schneewittchen erinnert.

 

Kurz vor dem Ende besteigen wir endlich nochmals einen Gipfel. Der Brevent liegt erneut auf der östlichen Seite, ziemlich genau gegenüber des Mont Blanc Gipfel und eröffnet noch einmal eine gänzliche andere Perspektive auf die stets schneebedeckte Spitze des weißen Berges.  

 

Am gleichen Tag erreichen wir später schließlich völlig erschöpft und dennoch glücklich wieder unseren Start- und Zielort Les Houches.

 

Obligatorisch gibt es hier ein Siegerradler, das wir ganz entspannt, zufrieden und ausgepowert genießen.

 

Was bleibt…

In den zehn Tagen, welche wir zusammen verbracht haben, haben wir nicht nur über 180 Kilometer in den Beinen und unzählige Bilder vom Mont Blanc auf unseren Kameras, sondern haben auch Menschen aus aller Welt kennen gelernt, die an diesem mystischen und wunderschönen Ort zusammenkommen. Wir haben interessante Gespräche geführt, hunderten von Rennteilnehmern „Courage, Courage!“ zugerufen und einen Brasilianer noch einmal deutlich an die schmerzhafte 7:1 Niederlage im Halbfinale der Weltmeisterschaft 2014 erinnert. Während wir all das erlebt haben, haben wir uns selbst außerdem nochmal ein Stück weit besser kennen gelernt.

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